Der Blick zurück nach vorn

So fühlt sich die abgelaufene Saison 07/08 zumindest für mich an. Die Aufbruchstimmung, mit der die letzte Spielzeit nach einer kleinen Einkaufstour eingeläutet wurde, schwebte über allem und zum Trainingsauftakt hätte man an der Säbener Straße getrost extra Tribünen aufstellen können (die man während der Saison auch noch oft gebraucht hätte). Kein Wunder, denn mit dieser massiven Anzahl an Neuzugängen hätte man parktisch eine komplette Mannschaft zusammenbauen können. Die Frage war nur, ob und wie das alles zusammenpassen würde - schließlich ist auch beim FCB nicht jeder Transfer ein Erfolg, was an anderer Stelleja auch schon trefflich und höchst kontrovers diskutiert worden ist.

Und tatsächlich, es klappt - gut auch noch. Am Anfang sogar so gut, dass es nach zwei Spieltagen nur noch darum ging, ob der FCB überhaupt noch ein Spiel auf dem Weg zur Meisterschaft verlieren würde. Blödsinn natürlich, aber es sollte schon einmal eine schöne Einstimmung darauf sein, was medientechnisch so los sein würde in dieser "Übergangssaison". Gerade in den ersten Wochen verging kein Spieltag, ohne dass nicht auf die Investitionen, die für bayerische Verhältnisse tatsächlich viel waren, permanent hingewiesen wurde. Von 70 bis 100 Millionen war da jeweils die Rede, mal mit oder ohne Gehälter, mal mit oder ohne Beraterhonorare, etc. Dass diesen Augaben auch kräftige Einnahmen gegenüberstanden, wurde schnell mal fallengelassen; das hätte ja die ständigen Verweise auf die schier unbegreiflich sensationellen Investitionen nur halb so spektakulär gemacht.

Überhaupt, das Geld. Immer wieder wurden zwischendrin Stimmen laut, ob sich der FCB jetzt nun nicht doch auch einmal finanziell überhoben habe; schließlich wurde ja mit einem dicken Minus von rund 30 Mio. am Ende des Jahres gerechnet. Zugegebenermaßen, die Voraussetzungen hätten ja auch kaum schlechter sein können: mehr Geld für Spieler ausgegen als eingenommen, nur im UEFA-Cup und dadurch deutlich weniger Fernsehgelder. Das Ergebnis? Ein Plus von 8 Mio. (Stimmt das? Hab die Zahlen grad nich präsent, ein Plus ist es aber auf jeden Fall.) Dass das Geschäft mit den Fanartiken beim FCB gut läuft, war ja hinlänglich bekannt, aber scheinbar ist man da auch in München in noch nicht bekannte Spähren vorgestoßen: Im Rahmen des Mehmet-Scholl-Abschiedsspiels wurde schnell mal 250.000 Euro umgesetzt - an einem Tag, bei einem Spiel. Hier also wohl alles im Lot.

Sportlich eigentlich auch alles in Ordnung, aber: Am Ende der Saison waren die gemischten Gefühle schon noch etwas präsent, auch wenn die Meisterfeier auf Leopoldstraße, Marienplatz und überhaupt in der ganzen Innenstadt, extrem ausgelassen ausfiel. Der Grund für diesen leisen Zwiespalt: natürlich, St. Petersburg. UEFA-Cup-Halbfinale, der Gegner nicht wirklich bekannt, auch wenn in der vorigen Runde schnell mal Leverkusen rasiert wurde. Nur noch zwei Spiele und dann mal wieder ein europäisches Finale; wie lange hatten wir das schon nicht mehr? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir der UEFA-Cup fast wichtiger als die Meisterschaft war (zum Thema Arroganz bei Bayern-Fans muss ich selber auch nochmal was schreiben). Zu tief waren einfach die Wunden, die sich die Fan-Seele in den vorigen Jahren eingefangen hatte: Chelsea, Milan, eigentlich immer wieder Milan. Und nach Getafe war ich mir auch eigentlich sicher: Jetzt, nach diesem Spiel, müssen wir das Ding einfach holen. Scheinbar war die Mannschaft genau derselben Meinung - und so spielt man dann halt auch. Wenn ich mir heute noch alte Beiträge in Foren und bei anderen Blogs durchlese, dann wird mir oft vor Augen geführt, was für Emotionen der Fußball auslösen kann, die nach dem Spiele auch nicht wieder verflogen sind. Und manchmal liegen die Extreme auf der emotionalen Skala auch zeitlich nah beieinander: erst Getafe, dann St. Petersburg. Noch Tage danach war ich von diesen beiden Erlebnissen mitgerissen.
Mit einigen Wochen Abstand betrachtet, hätte diese katastrophale Leistung in Russland aber nicht unbedingt überraschen brauchen (zumindest nicht im UEFA-Cup); schon gegen Getafe war die Leisung streckenweise beängstigend schwach und das Weiterkommen war eigentlich nur zwei Einzelaktionen und einem eher indisponierten Torwart geschuldet. Dass Oliver Kahn diese Umstände direkt nach dem Spiel erkannte und auch unumwunden zugab: geschenkt, denn es gab nur Emotion. Und nüchtern betrachtet war die Niederlage gegen Zenit zwar grob, aber unterm Strich bleibt eine Saison, in der sich der FCB merklich gewandelt hat - und das nicht unbedingt zum Schlechteren. Meisterschaft, DFB-Pokal und ein UEFA-Cup-Halbfinale (ok, und den Ligapokal...). Viele Mannschaften in ganz Europa (in Deutschland sowieso) würden viel um so eine Bilanz geben. Ach ja, und schöner, wahrlich begeisternder Fußball wurde nebenbei auch noch gespielt, einfach so...

Und Aufbruchstimmung herrscht trotzdem - oder gerade deswegen? Man hat also gesehen, dass es auch anders geht: ruhig mal Geld in die Hand nehmen, echte Reißer holen, Spieler, die wirklich was bringen und nicht nur ergänzen. Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt allerdings: Klinsmann. Fast hätte man meinen können, er wäre schon seit Januar Trainer - und wäre jetzt keine EM, man würde noch viel mehr über die neuesten Taten des Jürgen lesen. Aber irgendwann ist dieses Turnier dann auch wieder vorbei und das ganze Tohuwabohu geht dann wieder von vorne los. Gerade aus der B*** wird wohl mächtig Feuer kommen, wagte es Klinsmann doch in seiner Zeit beim FCB, dem Springer-Organ seine Handynummer zu verweigern - Frevel! Und darüber hinaus eine Frechheit, die sich die Zeitung scheinbar gemerkt. Anders kann ich mir das ganze dämliche Theater um die Farbe des Auswärtstrikots nicht erklären. Und das wird sicher nicht die einzige Salve sein, die man sich für Klinsmann zurecht gelegt hat (weniger öffentliches Training bzw. "Abschottung von den Fans" wurden schon verbraten, aber das kann man ja bei Gelegenheit ja wieder rausholen).

Interessant wird es werden. Auch wenn vielleicht nicht mehr die ganz großen Verstärkungen wie letzte Saison kommen, es könnte die interessanteste Saison seit langem werden - und ich freu mich schon tierisch darauf.

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