Barcelona
Nun also Barcelona. Schon die Auslosung brachte bei mir wieder einige Erinnerungen ans Tageslicht, die ich eigentlich am liebsten für immer begraben hätte.
Es war im Mai 1999, als der FC Bayern zum letzten Mal ins Nou Camp zu einem Champions-League-Spiel reiste. Dass wir in diesem Jahr überhaupt so weit gekommen sind, war irgendwie schon fast komisch. Man war als Gruppenerster in der „Todesgruppe“ mit Barcelona und Manchester United (!) weitergekommen. Beide Spiele gegen Barca wurden gewonnen; gegen ManU zwei Unentschieden.
Nach derartigen Ergebnissen und dem souveränen Weiterkommen gegen Kaiserslautern im Viertelfinale lag „nur“ noch Dynamo Kiew vor uns (damals noch mit Schevtschenko); auf dem Papier waren wir da sogar Favorit, aber Dynamo lehrte uns im Hinspiel das Fürchten. Nur einem mehr gestolperten als geschossenen Tor durch Carsten Jancker war das 3:3 in Kiew geschuldet. Und so reichte ein mageres 1-0 im Rückspiel im Olympiastadion zum Einzug ins Finale in Barcelona.
Die Champions League war für mich bis dahin ein Wettbewerb, der zwar nett anzuschauen war, aber dessen Gewinn irgendwie nicht zur Debatte stand. Der UEFA-Cup-Sieg 1996 war zwar noch nicht so lange her, aber die Champions League? Da gab es anno 1995 einmal eine derbe Klatsche gegen Ajax und dieser Eindruck blieb irgendwie. Die Königsklasse war zwar da und man spielte mit, solange es ging, der Gewinn war aber weit entfernt. So ging es mir zumindest damals.
Und dann kam Barcelona.
Als verfrühtes Geschenk zu meinem 18. Geburtstag schenkte mir mein Vater Tagesflug samt Karte zum Endspiel in Barcelona. Ich konnte mein Glück kaum fassen, zumal ich eine schwere Zeit hinter mir hatte. Zwei Knorpelschäden in beiden Knien hatten mich in den zwei Jahren zuvor de facto zum Sportinvaliden gemacht. Damit waren die Träume vom Fußballprofitum im Dienste des FC Bayern vollends erledigt (die eigene Stümperei hatte mir jedoch auch schon einen entsprechend deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben) und leider auch das angepeilte Sportstudium.
Umso glücklicher war ich, nach Barcelona zu diesem Spiel reisen zu dürfen. Beim Endspiel 1987 in Wien war ich mit sechs Jahren einfach zu jung, um mich an irgendwas zu erinnern; und so war es mein erstes Europapokal-Finale. Der Tag begann schon verheißungsvoll, als mich mein Vater am Münchner Flughafen ablieferte und ich zusammen mit einigen seiner Arbeitskollegen die ersten Weißbiere genießen konnte. Beim Blick auf die Aufstellung war uns eigentlich schon vor dem Abflug klar, dass eine Niederlage sehr wahrscheinlich sein würde.
Manchester hatte eine Weltauswahl, der sich 10 Jungs aus Deutschland (und der noch viel jüngere Sammy Kuffour) gegenüber sahen. Mit anderen Worten: Es wäre keine Schande gewesen, dieses Finale zu verlieren.
Und wie es immer auf solchen Fußballfahrten ist, mischt sich neben die freudige Erwartung, mit der man dem Anstoß entgegenfiebert, auch dieses Gefühl, dass dies alles hier etwas ganz Besonderes und in gewisser Weise jetzt schon legendär sein wird.
Dieses Gefühl sollte an diesem Tag nicht trügen.
Der Flug von München nach Barcelona wurde eigentlich nur durch die Ansage getrübt, dass es an Bord prinzipiell kein Bier geben würde. Nun gut, die Strecke war ja nicht besonders weit (wäre da nicht eine gefühlt ewige Verspätung gewesen). In Katalonien angekommen wurde uns dann auch klar, dass Fußballfans wohl ein massives Risiko darstellten, denn der Flughafen war so weit außerhalb der Stadt gelegen, dass man schon fast glauben konnte, in den Pyrenäen zu sein; entsprechend langwierig war dann auch der Bustransfer in die Stadt, der durch eine von niemandem verlangte Pause unnötig verzögert wurde. Von der Stadt selbst sahen wir dann eigentlich nicht mehr viel, denn die Zeit reichte noch für ein Bier, dann ging es auch schon ins Stadion, das (ähnlich wie in Madrid) auf einmal völlig unvermittelt vor einem stand.
Und dann dieser Moment, in dem man zum ersten Mal den Innenraum eines „neuen“ Stadions betritt. Diese riesige Schüssel. Unglaublich. Jeder Augenblick war fantastisch, das Wetter schön, die Stimmung gut. Vor dem Spiel natürlich Brimborium. Monserrat Cabballé durfte „Barcelona“ schmettern, bizarre Figuren schwebten über den Rasen. Mit anderen Worten: völlig unnötig.
Die Geschichte des Spiels selbst ist den meisten wohl bekannt. Als Schlaglichter, die ich nie mehr vergessen werde, bleiben ganz klar der Pfostenschuss von Mehmet Scholl und der Lattentreffer von Carsten Jancker in meinem Kopf. Mir ist fast, als hätte ich diesen fiesen Ton noch in den Ohren, den ein Ball produziert, der auf Aluminium trifft.
Und dann war da noch die Anzeigetafel kurz vor Schluss. 90:00. Aus. Vorbei. Grund zur Nachspielzeit gab es eigentlich keinen, aber Pierluigi Collina sah dies leider anders. Und so gab es noch zwei Ecken und zwei Tore für ManU. Unmittelbar nach dem Abpfiff stand ich einfach da und starrte auf den Rasen, auf dem einige Bayern-Spieler verstreut lagen. Ich erwartete Tränen, aber nichts kam. Ich fühlte einfach nur eine absolute Leere. Nach einiger Zeit schaute ich mich um und musste feststellen, dass wohl vielen anderen auch noch so ging.
Als mich mein Vater dann am nächsten Morgen vom Münchner Flughafen wieder abholte, sprachen wir auf der gesamten Heimfahrt kein einziges Wort. „Sein“ letzter Europapokal-Triumph lag 23 Jahre zurück.
Sechs Jahre später, als ich ein Jahr in England verbringe und mich ein Kollege mit zu einem Spiel von Manchester United nimmt, liegt dieser Schatten über mir. Früher oder später fällt das Gespräch natürlich auf jenes Finale und mein Kollege erklärt mir, dass Bayern München damals sehr viel Respekt geerntet hätte, mit welcher Fassung die Spieler die Niederlage damals weggesteckt hätten und wie die Mannschaft durch einen scheinbar unbezwingbaren Willen den Pott holte. Diese Anerkennung war mir zwar recht, denn schließlich hat man es als deutscher Fußballfan auf der Insel wahrlich nicht leicht, aber trotzdem wusste ich nicht viel darauf zu entgegnen, außer dass es natürlich ein unglaubliches Finale war, etc.
Was blieb, war eine latente Abneigung gegen ManU, die einzig und allein in Barcelona begründet ist. Dabei konnten die Engländer am wenigsten etwas dafür. Im Gegenteil. Sie gewannen in dem Stil dieses Finale, der vor allem die nächsten beiden Spielzeiten in der Bundesliga prägen sollte.
Manchmal ist Fußball fast prophetisch.
Es war im Mai 1999, als der FC Bayern zum letzten Mal ins Nou Camp zu einem Champions-League-Spiel reiste. Dass wir in diesem Jahr überhaupt so weit gekommen sind, war irgendwie schon fast komisch. Man war als Gruppenerster in der „Todesgruppe“ mit Barcelona und Manchester United (!) weitergekommen. Beide Spiele gegen Barca wurden gewonnen; gegen ManU zwei Unentschieden.
Nach derartigen Ergebnissen und dem souveränen Weiterkommen gegen Kaiserslautern im Viertelfinale lag „nur“ noch Dynamo Kiew vor uns (damals noch mit Schevtschenko); auf dem Papier waren wir da sogar Favorit, aber Dynamo lehrte uns im Hinspiel das Fürchten. Nur einem mehr gestolperten als geschossenen Tor durch Carsten Jancker war das 3:3 in Kiew geschuldet. Und so reichte ein mageres 1-0 im Rückspiel im Olympiastadion zum Einzug ins Finale in Barcelona.
Die Champions League war für mich bis dahin ein Wettbewerb, der zwar nett anzuschauen war, aber dessen Gewinn irgendwie nicht zur Debatte stand. Der UEFA-Cup-Sieg 1996 war zwar noch nicht so lange her, aber die Champions League? Da gab es anno 1995 einmal eine derbe Klatsche gegen Ajax und dieser Eindruck blieb irgendwie. Die Königsklasse war zwar da und man spielte mit, solange es ging, der Gewinn war aber weit entfernt. So ging es mir zumindest damals.
Und dann kam Barcelona.
Als verfrühtes Geschenk zu meinem 18. Geburtstag schenkte mir mein Vater Tagesflug samt Karte zum Endspiel in Barcelona. Ich konnte mein Glück kaum fassen, zumal ich eine schwere Zeit hinter mir hatte. Zwei Knorpelschäden in beiden Knien hatten mich in den zwei Jahren zuvor de facto zum Sportinvaliden gemacht. Damit waren die Träume vom Fußballprofitum im Dienste des FC Bayern vollends erledigt (die eigene Stümperei hatte mir jedoch auch schon einen entsprechend deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben) und leider auch das angepeilte Sportstudium.
Umso glücklicher war ich, nach Barcelona zu diesem Spiel reisen zu dürfen. Beim Endspiel 1987 in Wien war ich mit sechs Jahren einfach zu jung, um mich an irgendwas zu erinnern; und so war es mein erstes Europapokal-Finale. Der Tag begann schon verheißungsvoll, als mich mein Vater am Münchner Flughafen ablieferte und ich zusammen mit einigen seiner Arbeitskollegen die ersten Weißbiere genießen konnte. Beim Blick auf die Aufstellung war uns eigentlich schon vor dem Abflug klar, dass eine Niederlage sehr wahrscheinlich sein würde.
Manchester hatte eine Weltauswahl, der sich 10 Jungs aus Deutschland (und der noch viel jüngere Sammy Kuffour) gegenüber sahen. Mit anderen Worten: Es wäre keine Schande gewesen, dieses Finale zu verlieren.
Und wie es immer auf solchen Fußballfahrten ist, mischt sich neben die freudige Erwartung, mit der man dem Anstoß entgegenfiebert, auch dieses Gefühl, dass dies alles hier etwas ganz Besonderes und in gewisser Weise jetzt schon legendär sein wird.
Dieses Gefühl sollte an diesem Tag nicht trügen.
Der Flug von München nach Barcelona wurde eigentlich nur durch die Ansage getrübt, dass es an Bord prinzipiell kein Bier geben würde. Nun gut, die Strecke war ja nicht besonders weit (wäre da nicht eine gefühlt ewige Verspätung gewesen). In Katalonien angekommen wurde uns dann auch klar, dass Fußballfans wohl ein massives Risiko darstellten, denn der Flughafen war so weit außerhalb der Stadt gelegen, dass man schon fast glauben konnte, in den Pyrenäen zu sein; entsprechend langwierig war dann auch der Bustransfer in die Stadt, der durch eine von niemandem verlangte Pause unnötig verzögert wurde. Von der Stadt selbst sahen wir dann eigentlich nicht mehr viel, denn die Zeit reichte noch für ein Bier, dann ging es auch schon ins Stadion, das (ähnlich wie in Madrid) auf einmal völlig unvermittelt vor einem stand.
Und dann dieser Moment, in dem man zum ersten Mal den Innenraum eines „neuen“ Stadions betritt. Diese riesige Schüssel. Unglaublich. Jeder Augenblick war fantastisch, das Wetter schön, die Stimmung gut. Vor dem Spiel natürlich Brimborium. Monserrat Cabballé durfte „Barcelona“ schmettern, bizarre Figuren schwebten über den Rasen. Mit anderen Worten: völlig unnötig.
Die Geschichte des Spiels selbst ist den meisten wohl bekannt. Als Schlaglichter, die ich nie mehr vergessen werde, bleiben ganz klar der Pfostenschuss von Mehmet Scholl und der Lattentreffer von Carsten Jancker in meinem Kopf. Mir ist fast, als hätte ich diesen fiesen Ton noch in den Ohren, den ein Ball produziert, der auf Aluminium trifft.
Und dann war da noch die Anzeigetafel kurz vor Schluss. 90:00. Aus. Vorbei. Grund zur Nachspielzeit gab es eigentlich keinen, aber Pierluigi Collina sah dies leider anders. Und so gab es noch zwei Ecken und zwei Tore für ManU. Unmittelbar nach dem Abpfiff stand ich einfach da und starrte auf den Rasen, auf dem einige Bayern-Spieler verstreut lagen. Ich erwartete Tränen, aber nichts kam. Ich fühlte einfach nur eine absolute Leere. Nach einiger Zeit schaute ich mich um und musste feststellen, dass wohl vielen anderen auch noch so ging.
Als mich mein Vater dann am nächsten Morgen vom Münchner Flughafen wieder abholte, sprachen wir auf der gesamten Heimfahrt kein einziges Wort. „Sein“ letzter Europapokal-Triumph lag 23 Jahre zurück.
Sechs Jahre später, als ich ein Jahr in England verbringe und mich ein Kollege mit zu einem Spiel von Manchester United nimmt, liegt dieser Schatten über mir. Früher oder später fällt das Gespräch natürlich auf jenes Finale und mein Kollege erklärt mir, dass Bayern München damals sehr viel Respekt geerntet hätte, mit welcher Fassung die Spieler die Niederlage damals weggesteckt hätten und wie die Mannschaft durch einen scheinbar unbezwingbaren Willen den Pott holte. Diese Anerkennung war mir zwar recht, denn schließlich hat man es als deutscher Fußballfan auf der Insel wahrlich nicht leicht, aber trotzdem wusste ich nicht viel darauf zu entgegnen, außer dass es natürlich ein unglaubliches Finale war, etc.
Was blieb, war eine latente Abneigung gegen ManU, die einzig und allein in Barcelona begründet ist. Dabei konnten die Engländer am wenigsten etwas dafür. Im Gegenteil. Sie gewannen in dem Stil dieses Finale, der vor allem die nächsten beiden Spielzeiten in der Bundesliga prägen sollte.
Manchmal ist Fußball fast prophetisch.
elmarinho - 8. Apr, 00:24


