Leiden
„Samma, wo habt ihr überhaupt leiden gelernt?“
Dienstagabend, Frank Goosen liest im Stadion, und wir sind natürlich wieder dabei. Frank erinnert sich sogar noch an uns („Wart ihr nich auch das letzte Mal schon da?“). Schon damals war er etwas verwundert, wie entspannt wir die üblichen Erniedrigungen unseres Vereins ertrugen. Dass wir uns das Ganze jedoch nochmal antun, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Und so kommt ein schon fast unvermeidlicher Vorwurf: Als Bayern-Fan kann man per definitionem nicht leiden.
Natürlich, der Verein spielt nie gegen den Abstieg, es geht eigentlich immer um Meisterschaft, Pokal und manchmal sogar internationale Titel. Die überwiegende Mehrzahl der Spiele wird gewonnen und manchmal sogar schöner Fußball gespielt.
Wie kann ein Bayern-Fan also leiden? Genauso wie alle anderen. Und doch ein wenig anders.
Allein schon der Blick auf den Platz beschwört wie bei vielen anderen Fans schon ein gewisses Grundleiden herauf: Nur ganz selten gibt es nichts, worüber man sich während und auch gerne noch nach dem Spiel nicht noch aufregen könnte. Eine 4-0-Führung lässt einen zwar im ersten Moment vielleicht über grausame Flanken und Fehlpässe hinwegsehen, aber schließlich ist das nächste Spiel immer das schwerste und da kommt man mit so einer Leistung sicher nicht weit…
Ein Leiden ganz anderer Art findet jedoch immer nach Spielen statt, vor allem nach solchen, die verloren gehen. Egal ob im kleinen oder im großen Stadion, man muss es mit Sartre halten: „Die Hölle, das sind die anderen!“ Denn weil ein Sieg gegen den großen FCB natürlich etwas Besonderes ist, muss man den gegnerischen Fans dann bei Jubel-Ausbrüchen zuschauen, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen. Jetzt könnte man meinen, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnt, aber das werde ich wohl nie schaffen.
Von daher ist es auch nicht ganz verwunderlich, dass für mich die schönsten Siege diejenigen sind, bei denen sich alles danach wieder auf die Zauberformel „Bayern-Dusel“ verdichtet und die einem entgegen gebrachte Missgunst noch intensiver wird. Deswegen war auch der Sieg gegen Hoppenheim so schön. Die armen Dorfkicker setzten sich gegen den übermächtigen Riesen aus dem Süden mit aller Macht zur Wehr, hatten ihn sogar schon am Rande einer Niederlage. Und zum Schluss kommt dann ein Italiener und beschert Fußball-Deutschland einen Sieger, den keiner haben wollte. Im Endeffekt ist das eine Abwandlung des Rüssmann-Spruchs „Wenn wir hier schon nicht gewinnen, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“: Wenn uns eh schon keiner mag, dann sollen sie uns gleich richtig hassen. Dass der FCB in Spanien lange (oder vielleicht sogar immer noch) als „schwarze Bestie des Fußballs“ galt, war für mich eine der schönsten Huldigungen, die man überhaupt erhalten konnte.
Aber zurück zum Leid. Es gibt natürlich nicht nur die feiernden gegnerischen Fans, auch die Medienlandschaft springt vor Freude im Dreieck, wenn der FCB mal nicht gewinnt (Unentschieden und Niederlagen werden bisweilen nicht mehr unterschieden). Ein 2-5 während der Wiesn-Zeit zu Hause gegen Bremen kommt einem Nationalfeiertag gleich. Denn dann kommen sie alle: ehemalige Trainer, Spieler, Moderatoren – also alle, die mit dem FCB noch irgendeine Rechnung offen haben oder einfach eine saubere Antipathie pflegen. Auch hier könnte man meinen, man gewöhnt sich irgendwann dran, aber auch das habe ich bisher nicht geschafft.
Aber nicht nur leiden können Bayern-Fans nicht, wir können uns auch nicht richtig freuen. Klar, schon wieder eine Meisterschaft, schon wieder ein Pokal-Sieg. Das muss doch langweilig sein. Nein, wird es für mich nie. Natürlich sind Dramen wie 2000 oder 2001 etwas Besonderes und bleiben unvergessen, aber wieso soll man sich über eine Meisterschaft nicht so freuen können (oder sogar dürfen), wenn es die einundzwanzigste ist?
Und dann wäre da noch das internationale Geschäft. Lange (eigentlich fast die gesamten 90er Jahre) waren Europapokalspiele eine nette Abwechslung, aber ernst wurde es da eigentlich nie. Für Wien 1987 war ich zu jung und das Drama gegen Belgrad 1991 berührte mich als 9jährigen noch nicht besonders. Dann kam aber der UEFA-Cup 1996 und vor allem das Halbfinale gegen Barcelona – das erste Mal, dass ich beim Fußball vor Freude weinte. In diesem Jahr wurde mir klar, dass man international ja auch was gewinnen kann. Drei Jahre später an einem Mai-Abend in Barcelona war schlagartig die Champions League zum Heiligen Gral geworden, der dann auch zwei Jahre später nach einer schier endlosen Suche bei uns landen sollte. Und seitdem ist dieser Wettbewerb eigentlich wieder mehr Leiden als Freude.
Letztendlich leidet auch der Bayern-Fan, selbst wenn sich das viele immer noch nicht vorstellen können.
Dienstagabend, Frank Goosen liest im Stadion, und wir sind natürlich wieder dabei. Frank erinnert sich sogar noch an uns („Wart ihr nich auch das letzte Mal schon da?“). Schon damals war er etwas verwundert, wie entspannt wir die üblichen Erniedrigungen unseres Vereins ertrugen. Dass wir uns das Ganze jedoch nochmal antun, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Und so kommt ein schon fast unvermeidlicher Vorwurf: Als Bayern-Fan kann man per definitionem nicht leiden.
Natürlich, der Verein spielt nie gegen den Abstieg, es geht eigentlich immer um Meisterschaft, Pokal und manchmal sogar internationale Titel. Die überwiegende Mehrzahl der Spiele wird gewonnen und manchmal sogar schöner Fußball gespielt.
Wie kann ein Bayern-Fan also leiden? Genauso wie alle anderen. Und doch ein wenig anders.
Allein schon der Blick auf den Platz beschwört wie bei vielen anderen Fans schon ein gewisses Grundleiden herauf: Nur ganz selten gibt es nichts, worüber man sich während und auch gerne noch nach dem Spiel nicht noch aufregen könnte. Eine 4-0-Führung lässt einen zwar im ersten Moment vielleicht über grausame Flanken und Fehlpässe hinwegsehen, aber schließlich ist das nächste Spiel immer das schwerste und da kommt man mit so einer Leistung sicher nicht weit…
Ein Leiden ganz anderer Art findet jedoch immer nach Spielen statt, vor allem nach solchen, die verloren gehen. Egal ob im kleinen oder im großen Stadion, man muss es mit Sartre halten: „Die Hölle, das sind die anderen!“ Denn weil ein Sieg gegen den großen FCB natürlich etwas Besonderes ist, muss man den gegnerischen Fans dann bei Jubel-Ausbrüchen zuschauen, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen. Jetzt könnte man meinen, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnt, aber das werde ich wohl nie schaffen.
Von daher ist es auch nicht ganz verwunderlich, dass für mich die schönsten Siege diejenigen sind, bei denen sich alles danach wieder auf die Zauberformel „Bayern-Dusel“ verdichtet und die einem entgegen gebrachte Missgunst noch intensiver wird. Deswegen war auch der Sieg gegen Hoppenheim so schön. Die armen Dorfkicker setzten sich gegen den übermächtigen Riesen aus dem Süden mit aller Macht zur Wehr, hatten ihn sogar schon am Rande einer Niederlage. Und zum Schluss kommt dann ein Italiener und beschert Fußball-Deutschland einen Sieger, den keiner haben wollte. Im Endeffekt ist das eine Abwandlung des Rüssmann-Spruchs „Wenn wir hier schon nicht gewinnen, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“: Wenn uns eh schon keiner mag, dann sollen sie uns gleich richtig hassen. Dass der FCB in Spanien lange (oder vielleicht sogar immer noch) als „schwarze Bestie des Fußballs“ galt, war für mich eine der schönsten Huldigungen, die man überhaupt erhalten konnte.
Aber zurück zum Leid. Es gibt natürlich nicht nur die feiernden gegnerischen Fans, auch die Medienlandschaft springt vor Freude im Dreieck, wenn der FCB mal nicht gewinnt (Unentschieden und Niederlagen werden bisweilen nicht mehr unterschieden). Ein 2-5 während der Wiesn-Zeit zu Hause gegen Bremen kommt einem Nationalfeiertag gleich. Denn dann kommen sie alle: ehemalige Trainer, Spieler, Moderatoren – also alle, die mit dem FCB noch irgendeine Rechnung offen haben oder einfach eine saubere Antipathie pflegen. Auch hier könnte man meinen, man gewöhnt sich irgendwann dran, aber auch das habe ich bisher nicht geschafft.
Aber nicht nur leiden können Bayern-Fans nicht, wir können uns auch nicht richtig freuen. Klar, schon wieder eine Meisterschaft, schon wieder ein Pokal-Sieg. Das muss doch langweilig sein. Nein, wird es für mich nie. Natürlich sind Dramen wie 2000 oder 2001 etwas Besonderes und bleiben unvergessen, aber wieso soll man sich über eine Meisterschaft nicht so freuen können (oder sogar dürfen), wenn es die einundzwanzigste ist?
Und dann wäre da noch das internationale Geschäft. Lange (eigentlich fast die gesamten 90er Jahre) waren Europapokalspiele eine nette Abwechslung, aber ernst wurde es da eigentlich nie. Für Wien 1987 war ich zu jung und das Drama gegen Belgrad 1991 berührte mich als 9jährigen noch nicht besonders. Dann kam aber der UEFA-Cup 1996 und vor allem das Halbfinale gegen Barcelona – das erste Mal, dass ich beim Fußball vor Freude weinte. In diesem Jahr wurde mir klar, dass man international ja auch was gewinnen kann. Drei Jahre später an einem Mai-Abend in Barcelona war schlagartig die Champions League zum Heiligen Gral geworden, der dann auch zwei Jahre später nach einer schier endlosen Suche bei uns landen sollte. Und seitdem ist dieser Wettbewerb eigentlich wieder mehr Leiden als Freude.
Letztendlich leidet auch der Bayern-Fan, selbst wenn sich das viele immer noch nicht vorstellen können.
elmarinho - 20. Feb, 12:38



Danke.